Artikel aus der HAZ vom 15.01.2010

Im Polizei-Sportverein trainieren behinderte und nicht behinderte Judoka miteinander. Mirja Henrici und Karl-Heinz Steingräber starteten 2003 das erfolgreiche Projekt

Durch die Turnhalle der Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule schallt ein begeisterter Aufschrei. Dann saust eine Gestalt im weißen Anzug wie ein Blitz Richtung Matte, springt in die Höhe, wirbelt durch die Luft, überschlägt sich kopfüber und bleibt lachend auf dem Rücken liegen. „Ich bin Jasmin“, stellt sich der dunkelhaarige Wirbelwind vor, „ich mache schon seit zwei Jahren Judo.“ Das stimme, bestätigt Trainerin Mirja Henrici. Sie lächelt vieldeutig, wartet bis die Elfjährige sich entfernt hat und sagt leise: „Und vor weniger als einem Jahr hat sie sich nicht einmal einen Purzelbaum zugetraut.“

Dass sich das geändert hat, ist Henricis Verdienst. Die 32-Jährige ist begeisterte Judosportlerin und pädagogische Mitarbeiterin der Förderschule für geistig behinderte Kinder in Buchholz. Schon lange ging ihr der Gedanke durch den Kopf, dass der japanische Kampfsport Judo für die besonderen Bedürfnisse von einigen der 167 Schüler, die zum Teil mehrfach schwerbehindert sind, genau das Richtige sein könnte. „Die für Judo typischen Bewegungskoordinationen sind für die Motorik mancher Behinderter geradezu ideal“, sagt sie. Doch erst als Henrici in der Judosparte des Polizeisportvereins den pensionierten Lokführer Karl-Heinz Steingräber näher kennenlernte, nahm das Projekt Gestalt an.
Im Sommer 2003 gründeten die agile junge Frau und der erfahrene 63-jährige Trainer nicht nur eine Judo-AG an der Schule in der Neuen Landstraße, sondern sorgten auch dafür, dass sich die Judoabteilung, die erfolgreichste Sparte im Polizeisportverein, den behinderten Judoka öffnete. „Keiner unserer Sportler hatte da irgendwelche Vorbehalte. Das Ganze lief von Anfang an prima“, berichtet Steingräber, der seit mehr als 30 Jahren Judo betreibt. An seinem Training, das er in der Schule selbst sowie in der Kaserne der Bereitschaftspolizei in der Lister Tannenbergallee anbietet, nehmen insgesamt rund 20 behinderte Schüler teil. Sie sind zwischen sieben und 22 Jahren alt. In der Kaserne trainieren sie immer paarweise mit ihren nichtbehinderten Sportkollegen und werden von Steingräber auch exakt so behandelt. „Ihre Behinderung tut schließlich nichts zur Sache“, sagt der Pensionär.

Der Erfolg gibt Henrici und Steingräber Recht. Im vergangenen Jahr wurde Manuel Müller, Schüler der Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule, Internationaler Deutscher Meister in der Judodisziplin für Behinderte. Manuel Müllers Erfolg ist nicht nur Grund zur Freude im Polizeisportverein und in der Schule sowie Bestätigung für die beiden Initiatoren des integrativen Projekts. Er macht auch deutlich, in welcher Weise sich Judo positiv auf behinderte Jugendlichen auswirken kann.

„Manuel war, gelinde gesagt, schwierig“, erinnert sich Steingräber, „groß und stark wie er ist, wusste er oft nicht wohin mit seiner Kraft.“ Die eigenen Kräfte in Zaum halten, sie in geregelte Bahnen lenken, Regeln akzeptieren, Respekt vor allem Schwächeren gegenüber zeigen – all das haben Jugendliche wie Manuel Müller durch die Kooperation des Polizeisportvereins mit der Heinrich-Ernst-Stötzner-Schule beim Judosport gelernt.

„Judo gibt unseren Schülern die Möglichkeit, sich auszutoben und den fairen Gedanken des Kampfsports zu verinnerlichen“, lobt auch Förderlehrer Andreas Tieben, der Henrici und Steingräber unterstützt. Außerdem bilde das Training im Polizeisportverein mit den nichtbehinderten Judoka eine wunderbare Brücke in das normale gesellschaftliche Leben.

Henrici und Steingräber wissen um die positiven Auswirkungen ihres Engagements. Und es macht sie stolz. Die beiden arbeiten eng mit dem Behindertenverband Niedersachsen zusammen sowie mit der Bereitschaftspolizei und der Polizeiinspektion Ost. „Von diesen Seiten erhalten wir enorm viel Unterstützung, um unser Projekt auszuweiten und bekannt zu machen“, sagt Henrici.

Julia Pennigsdorf

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